Ein falsches Signal, in einem entscheidenden Zeitfenster!

by Maisha Auma

- Saraya Gomis verlässt die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zum Ende des Jahres -

Ende 2016 wurde Saraya Gomis zur Antidiskriminierungsbeauftragten für Berliner Schulen. Positive Reaktionen auf diese innovative Entscheidung erreichten uns aus der ganzen Bundesrepublik, aus dem deutschsprachigen Raum, sogar darüber hinaus, transnational, im Zusammenhang von German und Cultural Studies! Alle gratulierten Berlin zu diesem mutigen und notwendigen Schritt! Die erste und noch immer einzige Antidiskriminierungsbeauftragte für Schulen in ganz Deutschland! Die erste Schwarze Frau in einer Leitungsposition in der Berliner Senatsverwaltung! Kaum drei Jahre danach scheint eine konstruktive Einigung über Ziele, Inhalte und Profil dieses wichtigen Aufgabenbereichs gescheitert. Wir sind entsetzt, entmutigt und sehr besorgt! Das wissenschaftliche Team Diversifying Matters, eine Fachgruppe der ältesten feministischen Selbstorganisation der Schwarzen Community Deutschlands, hat gerade letztes Jahr (2018) einen Konsultationsprozess im Rahmen der ‚Internationalen UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft 2015-2024’ durchgeführt. Dieser konsultative Prozess wurde im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung, unter Federführung der Landesstelle für Gleichbehandlung, gegen Diskriminierung (LADS) in Auftrag gegeben. Ein zentrales Ergebnis des Berliner Konsultationsprozess „Sichtbarmachung der Diskriminierung und sozialen Resilienz von Menschen afrikanischer Herkunft“, ist die Zentralität von Diskriminierungserfahrungen im Bildungswesen:

„Die verheerende Wirkung rassistisch verfasster Marginalisierungsprozesse wird im Bildungswesen nicht anerkannt und bleibt folglich unbearbeitet. Bildung wurde aus der Sicht von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin als der Bereich benannt, in dem beinahe täglich stark verletzende Missachtungsformen stattfinden. Bildung wird zugleich aber auch als Ort der Transformation von Kapitalien und aus der Sicht von Menschen afrikanischer Herkunft in Berlin als Tor zu sozialer Mobilität, eingeschätzt. Um diesem hohen Potenzial der Gleichstellung überhaupt gerecht werden zu können, müssen sich Berliner Bildungsinstitutionen und die in ihnen tätigen Akteur*innen aus unserer Sicht eingehend mit rassismuskritischer Kompetenzbildung befassen.“

Die ‚Postmigrantische Generation’ ist unsere neue Realität, nicht nur in der hyperdiversen Stadtgesellschaft Berlins, sondern auch in Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf, Köln, Hamburg und Bremen. In der Altersgruppe bis sechs Jahren, beträgt der Anteil postmigrantischer Kinder in Berlin bereits 48 Prozent. Berlin liegt dabei nur an neunter Stelle im Bundesdurchschnitt! In Frankfurt am Main haben 55 Prozent der Kinder in der Altersgruppe von ein bis sechs Jahren einen Migrationshintergrund. In den anderen deutschen Großstädten, wie Köln, München und Stuttgart beträgt der Migrationshintergrund der jüngsten Altersgruppe der unter Sechsjährigen bereits mehr als die Hälfte. Eine diversitätsorientierte und diskriminierungskritische Bildungspolitik für diese neue ‚Postmigrantische Generation’ zu konzipieren und zu implementieren bedarf einer umfassenden rassismuskritischen Kompetenzbildung!  

Diversitätsorientierung ist keine eindimensionale plakative Einzelaktion, sondern ein langwieriger Mainstreamingprozess mit vielen Höhen und Tiefen, begleitet von Kontroversität und inneren und äußeren Widerständen. Uns scheint, die Berliner Senatsverwaltung gibt dem Prozess nicht den notwendigen Rückhalt. Uns scheint, dass die Senatsverwaltung eingeknickt ist, gleich nachdem die ersten Widerstände gegen eine grundlegende rassismuskritische Qualifikation aufgetaucht sind. Es ist ein falsches Signal, die rassismuskritische Einrahmung von Antidiskriminierungsarbeit aufzugeben und mit weniger machtkritischen Zugängen zu ersetzen. In unserem Verständnis bedeutet Teilhabe, der konsequente Einbezug von marginalisierten Communities in allen für sie relevante Belange. Die vulnerablen Communities Berlins haben äußerst konstruktiv mit Saraya Gomis zusammengearbeitet, dass bringt uns zu der Frage, ob die Senatsverwaltung diese Communities gar nicht repräsentieren will?

Die mutige Entscheidung Berlins eine Antidiskriminierungsbeauftragte für Berliner Schulen einzurichten und diese mit einer hochkompetenten und starkvernetzen Schwarzen Lehrerin zu besetzen, sollte ein Auftakt sein. Diese partizipatorische Innovation haben wir im Abschlussbericht des Berliner Konsultationsprozesses hervorgehoben. Wir sind daher sehr besorgt über diese Entwicklung! 

Wir fordern die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie auf

1) Die rassismuskritische Qualifikation ihrer Mitarbeiter*innen, vor allem auf der Leitungsebene zu sichern.

2) Die Ergebnisse der Zusammenarbeit mit Frau Gomis für die diskriminierungskritische Schulforschung freizugeben, damit die marginalisierten Communities dieses Wissen zur Konzipierung von Schutzstrategien verwerten können.

3) Eine unabhängige Ombudsstelle „Diskriminierungskritische Schulberatung – Monitoring und Beschwerdemanagement“ einzurichten unter Einbeziehung der Expertise von Frau Gomis und von marginalisierten Communities in Berlin. 

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